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Bild: QM Moabit-Ost

Aus dem Archiv des B-Ladens 4

Aus dem Archiv des B-Ladens:
Ein Park mit Geschichte

Zahlreiche Ordner mit Informationen über Moabit füllen eine ganze Wand. Sie beherbergen das Archiv des B-Ladens, das zukünftig online zugänglich sein wird. Einige Ordner dokumentieren auch die Geschichte des ehemaligen Zellengefängnisses und die Entstehung des Geschichtsparks in der Lehrter Straße.

Moabit entwickelte sich von einem ländlichen Vorort mit Landwirtschaft und Gartenlokalen ab 1830 zum Industriestandort. Knapp zehn Jahre später prägten Eisenbahn, Militär und Justiz das Gebiet. Auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. wurde ab 1844 in der heutigen Lehrter Straße das Zellengefängnis errichtet. Fünf Jahre dauerte es bis das riesige Gebäude nach dem Vorbild des Gefängnisses Pentonville bei London fertig war. Zellengefängnis heißt es deshalb, weil die Gefangenen in Einzelzellen und strenger Isolationshaft weggesperrt wurden. Die Zellen lagen in vier Flügeln, in der Mitte befand sich das Panoptikum, die zentrale Überwachung.

Im Vorfeld der Märzrevolution 1848 wurden über 250 polnische Freiheitskämpfer im noch nicht fertigen Gefängnis festgesetzt und wegen der Vorbereitung eines Aufstandes gegen die preußische Vorherrschaft in Posen angeklagt. Der erste politische Prozess in Preußen fand in der Gefängniskirche statt. Wegen Hochverrat wurden acht zum Tode und 97 Polen zu Haftstrafen verurteilt. Doch durch die Berliner Bevölkerung lief eine Welle der Sympathie für die Angeklagten, die als Vorkämpfer für bürgerliche Freiheit und nationale Einheit gefeiert wurden. Unter dem Druck der Revolution wurden die Polen am 20. März 1848 befreit.

Unter den Gefangenen waren zahlreiche Widerstandskämpfer verschiedener Epochen der deutschen Geschichte. Einige Jahre später saß auch Wilhelm Voigt, der als Hauptmann von Köpenick in die Geschichte einging, in Moabit. Nach der Novemberrevolution, dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederschlagung des Spartakus-Aufstands war das Gefängnis im März 1919 mit 4.500 Gefangenen völlig überbelegt.

Während des Nationalsozialismus wurden ab 1942 Zellen zum Wehrmachtsgefängnis und weitere der Gestapo unterstellt. Hier saßen beispielsweise die Schriftsteller Erich Mühsam und Wolfgang Borchardt sowie der Schauspieler und Regisseur Ernst Busch ein.
Nach dem Attentatsversuch auf Adolf Hitler erhielt das Gefängnis die Sonderabteilung 20. Juli 1944. Soldaten, Offiziere, Zivilisten und Widerstandskämpfer, die das Attentat unterstützt hatten oder gegen das Hitler-Regime waren, warteten unter katastrophalen Bedingungen auf ihr Urteil. Von 350 Häftlingen überlebten nur 35. Ein Audiowalk zum Gefangenen Albrecht Haushofer kann auf der Webseite der Gedenkstätte Deutscher Widerstand heruntergeladen werden. Er schrieb im Gefängnis die Moabiter Sonette, denen Besucher*innen in der nachgebauten Zelle lauschen können.

Nach 1945 wurden noch 12 Todesurteile im Zellengefängnis vollstreckt. 1955 wurde das Gefängnis geschlossen und drei Jahre später große Teile davon abgerissen. Das Gelände ist danach vom Tiefbauamt als Lagerplatz genutzt worden. Heute erinnert der Geschichtspark an die Geschehnisse dieses Ortes. Nach einem historischen Gutachten von 1992, langjährigem Engagement der Anwohner*innen und geänderten Plänen für den Tiergartentunnel konnte 2006 der Geschichtspark endlich eröffnet werden. Der ursprünglich geplante Tunnelverlauf hätte den Park mit Geschichte unmöglich gemacht.

Auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnis Moabit entstand eine Parkanlage, die gleichzeitig Gedenkort und Park für die Anwohner*innen und Besucher*innen ist. Überall auf dem Gelände sind Relikte der früheren Nutzung zu entdecken. Das Berliner Planungsbüro Glaßer und Dagenbach wurde für das Projekt mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis 2007 ausgezeichnet.

Zusammengetragen wurde das Archiv auch mit Informationen zum Zellengefängnis Moabit von Mitstreitenden des B-Ladens in der Lehrter Straße, die seit über 30 Jahren Anwohner*innen zu Fragen des Wohnens und der Quartiersentwicklung beraten. Im Rahmen des QM-Projektes „Kiezwissen aus dem B-Laden archivieren, digitalisieren und publizieren“ wird das Archiv in Kooperation mit dem Verein Miomaxito aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In einer Serie wird über die Themen des Archivs berichtet.

Miomaxito e. V. und B-Laden