Die KUFA - ein Kulturzentrum für Moabit

Robin Hirsinger und Stefan Fürstenau, genannt Django, beim Interview (von rechts)
Auch als T-Shirt: das Motto „Monster Moabit“ beim Sommerfest der KUFA am 21. Juli 2018
Von den umfassenden Bauarbeiten künden Gerüst und...
...und eine große Bautafel
Viel los in der KUFA (dieses und die unteren drei Fotos stammen von Stefan Fürstenau, die übrigen Bilder: Gerald Backhaus)
Hier spielt die Band "gegenüber" im Rahmen der "Meat Moabit"-Konzertreihe in der KUFA (Foto: Robin Hirsinger)

Interview in der KUFA 

von Gerald Backhaus

Ein solches Freiluft-Büro hätte man auch gern. Robin Hirsinger sitzt in der Abendsonne auf einer Bierbank vor dem KUFA-Café in der Lehrter Straße 35. Vor sich ein alkoholfreies Bier, schlitzt er gerade den Umschlag mit der neuesten GEMA-Abrechnung auf. Bevor er sich darüber wundern kann, kommt Stefan Fürstenau, Spitzname Django, hinzu und präsentiert sein neues T-shirt mit dem Aufdruck „Monster Moabit“. Django wohnt seit 1984 in der Lehrter Straße und ist hier seit 1991 als Mitbegründer der KUFA im Boot. Unter dem Motto „Monster Moabit“ steht das diesjährige Sommerfest der KUFA am 21. Juli. Da wird es Livemusik, Spiele und Bewegung auf dem benachbarten Quartiersplatz und dem Klara-Franke-Spielplatz geben. Noch ist dafür nicht alles in Sack und Tüten. Es müssen Bands angefragt und Anträge beim Grünflächenamt gestellt werden. Letzten Sommer gab es auch schon so ein Fest, was besonders die studentische Bewohnerschaft anzog, während das Winterfest der KUFA - letztes Jahr erstmals an einem Adventssonntag - eher zu einem Fest für Familien wurde. Robin, im Vereinsvorstand vom Slaughterhouse-Club und dort seit 20 Jahren aktiv, berichtet davon, wie sich die KUFA in den letzten Jahren immer mehr mit der Nachbarschaft vernetzt hat. „Neue und alte Nachbarschaft in der Lehrter Straße“ nennt sich folglich ein vom QM Moabit Ost gefördertes Projekt. Es beinhaltet Kurse wie den Löt-Workshop, bei dem 8- bis 12-jährige kleine LEDs zusammenlöten und behutsam zu Elektrik und Elektronik hingeführt werden. Unter der Überschrift „kufakids“ wird hier pädagogische Arbeit geleistet. Zudem wird in der KUFA eine Fahrradreparatur angeboten. „Alles prima Sachen, doch hat die KUFA wie alle soziokulturelle Zentren in Berlin ein strukturelles Problem“, mischt sich Django ein. „Wir bekommen nur Projektförderungen und keine strukturelle Förderung, weil wir weder in den Bereich der Kultur- noch der Sozialverwaltung hinein fallen.“ Da die Projektförderungen meistens auf drei Jahre begrenzt sind und Mitarbeiter nur auf Honorarbasis beschäftigt werden können, fallen langfristige Planungen schwer. An Sicherheit für die Beschäftigten ist gar nicht zu denken. Und was Projekte angeht: „Dass Sachmittel finanziert werden, ist ja gut, aber an Geld für Personal fehlt es.“ Mit Hilfe des QMs konnten zum Beispiel neue Stühle für das Freilichtkino des ebenfalls in der KUFA beheimateten Kino-Vereins Filmrauschpalast Moabit angeschafft werden. Der Filmrauschpalast zeigt jeden Freitag und Samstag bis zu 200 Zuschauern anspruchsvolle Filme auf Spendenbasis. Filmwünsche des Publikums werden bei der Programmgestaltung gern berücksichtigt, wenn sie finanztechnisch realisierbar sind. Das Freilichtkino wird gerade in dieser Saison dank des sommerlichen Wetters sehr gut angenommen, rund 10 Veranstaltungen waren bisher ausverkauft. Apropos ausverkauft: Django erinnert sich, nach einem Höhepunkt seiner 27-jährigen Tätigkeit für die KUFA gefragt, an das erste Konzert im Slaughterhouse, das er organisierte: „Da spielten diverse Punkbands, es war legal, und die Leute standen Schlange!“ In den achtziger Jahren hatte sich in der Lehrter Straße, auf der es wegen der geplanten Westtangente viel Leerstand und Brachen gab, damals ein Subkulturmilieu entwickelt. Die Bürgerinitiative „Lehrter Straße - billige Prachtstraße“ gründete sich und organisierte 1991 zusammen mit der Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung (STERN) eine Ausstellung zum Ist-Zustand der Gegend im Gebäude der Kulturfabrik und betreute dabei das Cafe während der Öffnungszeiten.„Damals war Moabit ein Ort zum Wohnen und Schlafen“, alle fuhren zum Ausgehen nach Kreuzberg und nach dem Mauerfall in den Osten Berlins. Deshalb mussten die Kulturmacher in Moabit aus Mangel an Laufkundschaft mit Inhalten überzeugen, um Publikum hierher zu locken. Das KUFA-Gebäude, das früher als Heeresfleischerei genutzt wurde, beherbergt inzwischen unter dem Dachverband Kulturfabrik Lehrter Straße 35 mehrere eigenständige Vereine. Hinzu kommen die Selbsthilfewerkstatt 35 Services e.V., das Vereinscafé, das wie ein eigenständiges Kollektiv arbeitet, die Jugendarbeit der "kufakids" in der Remise des benachbarten B-Ladens sowie die Jugendgäste-Etage des Bundes Deutscher Pfadfinder.

Die KUFA steht unter Selbstverwaltung. Zwei Mal im Monat tagt das Plenum namens Fabrikrat, bei dem über alles Aktuelle diskutiert wird. Seit einiger Zeit geht es dort viel um die anstehende Sanierung des KUFA-Gebäudes, von der das Gerüst an der Fassade kündet. Noch sind nur drei Etagen des Gebäudes nutzbar, doch das soll sich bald ändern. „Der Bauantrag steht, und die Finanzierung aus verschiedenen Töpfen auch“, erzählen Robin und Django. Vor kurzem wurde der Ausschreibungsprozess gestartet. Das Gebäude muss komplett „durchsaniert“ werden, denn bisher wird noch mit Kohleöfen geheizt und alles, was zum Beispiel an Sanitärtechnik vorhanden ist, haben die Vereine selbst angelegt. Bei der Sanierung geht es auch darum, die aktuell vorgeschriebenen Schallschutzbedingungen zu berücksichtigen, damit sich Theater, Kino und Konzerte akustisch nicht mehr ins Gehege kommen. Der Keller, der zur Zeit gesperrt ist, wird einen Notausgang bekommen, und das denkmalgeschützte Gebäude soll komplett barrierefrei werden. Die ganzen Vorhaben sorgen dafür, dass ein stattliches Bauvolumen von rund 6,8 Mio. Euro zusammenkommt. Ob es dabei bleibt, hängt auch von den durch den anhaltenden Bauboom steigenden Kosten ab. Das treibt den beiden Männern auf der Bierbank die Sorgenfalten in die Stirn. Los gehen die Bauarbeiten im dritten Quartal mit der Rohbausanierung der Brandwand, außerdem wird ein neuer Keller für die Gebäudetechnik angelegt und ein Fahrstuhl angebaut. Zwei Jahre Bauzeit veranschlagt Django, „und das bei laufendem Betrieb!“ Zwei Bauherren sind verantwortlich für das ganze Unternehmen: die GSE gGmbH als treuhändischer Eigentümer in Vertretung des Landes Berlins ist mit Unterstützung von Mitteln aus dem Programm „Stadtumbau West“ für die Rohbausanierung zuständig, und den Innenausbau erledigt das KUFA-Team mit finanzieller Unterstützung der Lottostiftung selbst. Der Selbstverwaltungsvertrag der KUFA, der vor etwa fünf Jahren beschlossen wurde, sieht Freiheiten, aber auch Verpflichtungen vor. Eine der Kernverpflichtungen ist, dass in dem Gebäude immer Kulturarbeit für den Kiez geleistet werden soll. Wer hier in Zukunft teure Lifts erwartet, ist also auf dem Holzweg. Nach der Sanierung kann der Slaughterhouse-Club zurück in den derzeit gesperrten Keller ziehen. Und im dadurch wieder frei werdenden Raum im Erdgeschoss wird ein multifunktionaler Raum für Vorträge, Seminare, Hochzeiten und ähnliches entstehen.

Die Zeit nach der baulichen Sanierung sehen Stefan Django und Robin Hirsinger als große Herausforderung für die KUFA und die derzeit insgesamt rund 120 Vereinsmitglieder. Beide hoffen darauf, dass es keine allzu starken Veränderungen gibt und die „gute Mischung von Gastro, Gewerbe, Moabit hilft und Moschee in der Lehrter Straße“ erhalten bleibt. Sie sehen sich nicht als Aufwerter und wollen nach wie vor viele niedrigschwellige Angebote vorhalten. Subkultur statt Hochkultur. „Am schlimmsten für uns wäre es, wenn alles kippt. Immerhin ziehen allein 2.000 neue Leute direkt hier ums Eck hin. Wir werden immer mehr zum In-Bezirk und das Publikum nimmt zu. Unser Wunsch ist es, dass uns die Moabiter als ihr Kulturzentrum sehen.“

Mehr zur KUFA: www.kulturfabrik-moabit.de/kufa